Rost Scriptum – Drüberdrunterdrumherum.

Ich habe so viel, so unendlich viel belangloses Zeug gelesen. Ich habe es gelesen und es war nicht tief in mir zu gleicher Zeit, so wie Erlesenes sein soll, und ich wollte es wieder loswerden, und es blieb doch an der Rinde meines Bewusstseins kleben wie ein Rand von dünnem Kaffee am Untersetzer oder die herb-nutzlose Erinnerung an einen liebgewonnenen und dann irgendwo unwiederbringlich verlorengegangenen Gegenstand in der Lost-&-found-Box des Unterbewusstseins.

Das Schlimme daran, an all diesen Kaffeerändern im Hirn, ist nicht der blanke, gedankenameisenanlockende Dreck, der ließe sich immerhin ignorieren wie die Staubschicht auf einer empfangsgestörten Bildröhre, nein, das mich immer wieder zum besinnungslosen Zerreißen ganzer Bücher, auch guter Bücher, Treibende ist das eigene Selbstzentriertsein, das mich in solchen Kaffeerandvergewaltigungsmomenten ins Schreiben drängt, auch dann, wenn ich, was meistens der Fall ist, besser daran täte, einfach nur die Klappe zu halten und weiter zu lesen oder, um einiges besser noch, stumm und ehrfürchtig in den gestirnten Himmel zu glotzen. O, diese nagenden Imperative des Autoren! – Das: ‚Alles Idioten! Das kann ich besser…‘, das: ‚Da fehlt doch, Himmelherrgottnochmal, mindestens die halbe Welt!‘, das: ‚Wenn wir schon alle nur blanken Unsinn schreiben, dann meistern wir doch bitte mal wieder wenigstens IRGENDEINE Form, am besten eine von zarter Anmut, VERFLUCHTE SCHEISSE!‘, und tausend andere hirnrissige Selbstbetrügereien dafür, sich wider besseres Wissen bedeutsam und einzigartig vorzukommen und den sich nie wirklich neu formenden, immer muffigen Ausdruck des ganzen Luxusausschusses, den man, sich stetig im Kreis drehend, in sich angesammelt hat, in nicht, nirgends, niemals zum Punkt kommen wollenden Schleiersätzen aufs Papier zu weltschmerzen (performativer Beweis erbracht – *Badumm Tss*). Trotzdem tun wir besessenen Homo Labers es immer, immer wieder und werden es für immer und immer tun.

Aber bitte, liebe Freunde: Das allein ist doch für alle Umstehenden schon anstrengend genug. Müssen wir den wirklich und tatsächlich auch noch über das uns so elend plagende Schreiben schreiben? Sicher: Grausam göttlich und aphoristisch weltbewegend geht es zu, wenn Walsers übers Walsern walsern; die Restzuckungen einer sterbenden Eintagsfliege wirken fast banal dagegen. Doch bitte: Wer für Schreibende über das Schreiben schreibt, ist entweder Lehrer, kann also von seiner eigenen Schreiberei nicht leben, oder will Belehrender sein, ist also ein Arschloch. Wer hingegen für Menschen, die nicht schreiben, über das Schreiben schreibt, ist bestenfalls noch Narzisst (Hier natürlich das übliche Aussnahmenbestätigendieregelblabla einfügen).

Liebe Freunde, ihr wisst es doch so gut wie ich: Lesen ist verdammt anstrengend. Zumal, wenn, wie es in dieser fast immer zum Kotzen verschwurbelten ‚anspruchsvollen‘ Belletristik meistens der Fall ist, das Geschriebene von Dingen handelt, die nicht zu beschreiben sind, will sagen: von den einzig interessanten. Lesen ist immer auch eine Höllenplage, so wie der Kater nach zu viel Schnaps, nur, dass sich beim Lesen eines den Rezipienten herausfordernden Textes nervenzerhämmernder Kopfschmerz und beflügelnd-betörender Suff im Moment des Lektüre’genusses‘ nahezu kongruent überlappen. IMMER tut es auch weh.

Schreiben wir also nicht auch noch dauernd darüber, wie, warum und mit welchen Gefühlchen wir unsere Kompilationen an Anstrengungsimperativen, genannt ‚Text‘, zusammenstoppeln! So hart es klingen mag: Lieber höre ich an einem diesigen Novembertag einem Schwein beim übers Schwein sein Grunzen zu, als mich in unserem Modder auch noch zu wälzen. Das ist trotz meiner groben Schweinssprachenunkenntnis immer noch gefühlte ziemlichviel Prozent lehrreicher und hat immerhin einen gewissen Unterhaltungswert. Und der, liebe Freunde, ist wichtig; erzählt, was ihr wollt. Wer nämlich langweilt, der tötet im Ohr des Publikums noch der weisesten Worte Sinn.

Ich habe mich aufgerafft, einmal über das Schreiben zu schreiben; einmal (unter uns: einmal mehr) über den Rost auf der blanken Klinge des Wortes zu streichen. Ich tue es nie wieder*. Jetzt, liebe Freunde, wisst ihr, wieso.

/ *alle Angaben ohne Gewähr

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Schöne kranke Welt

Wir alle tragen unendlich viele potenzielle Krankheiten mit uns herum. Unseren Körper und Geist durchziehen von Geburt an die Wurzeln jedes menschenmöglichen Übels. Die Frage, wo Krankheit – seelisch & körperlich – beginnt, ist allerdings, besonders bei psychischen Erkrankungen, oft reine Definitionssache. Auf einen aus dieser Prämisse entspringenden, mir wichtigen Punkt möchte ich in diesem Text hinweisen.

Irgendwie scheinen wir trotz geistiger Emanzipation von Kirche & Co. Noch immer einer Art innerer Heilsreligion verhaftet zu sein, die uns glauben lässt, es gäbe ein 100%iges ‚Richtig‘ und ein absolutes ‚Gesund‘. Das ist denkbar monumentaler Unsinn, der uns in der Lebenspraxis die paar Tage, die wir auf dieser Erde herumstolpern dürfen, immer wieder aufs Neue madig macht.
Wahr ist: Wir befinden uns in einem stetigen Fluss unserer Zustände und versuchen, mit diesen Sandkastenförmchen der menschlichen Komödie, in einer Selbstlüge, basierend auf der Sehnsucht nach Kontrolle, die ihrerseits aus einer tief in uns allen sitzenden existenziellen Angst vor Chaos und Wahnsinn herrührt, starr, verkrampft und allzuoft über die Ersatzgötter Logik und Ratio, den optimalen Zustand, in dem Körper und Geist auf Werkseinstellung zurückgesetzt sind, zu erlangen. Jedoch: Diesen perfekten Zustand gibt es nicht. Und das ist gut so, denn sonst läge die Triebfeder des Lebens nicht in Veränderung, Fluss und Bewegung, sondern in einem statischen Verharren im ‚richtigen‘ Daseinszustand.

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Die dumme, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten, die eine ganze Person erst ausmachen, verdeckende, nach Mumifizierung müffelnde Erlösungshoffnung (irgendwann wird alles gut und möge dann nach Möglichkeit bitte auch so bleiben) zugunsten einer flexiblen, lebendigen Selbstwahrnehmung, die jeden Tag, jede Stunde – freudvoll oder leidvoll – für sich selbst zelebrieren kann, fahrenzulassen, ist ein erster Schritt weg vom metaphorischen und vielleicht vorsorglich sogar realen Magenkrebs. Der von uns selbst aufgebaute Druck, unter den wir uns tagtäglich stellen, irgendwann einmal ‚richtig‘, mithin innerlich und äußerlich ‚bei uns selbst, wie wir zu existieren bestimmt sind, angekommen zu sein‘, öffnet unser hochkomplexes psychophysisches System für alle Arten physischer und psychischer Leiden.

‚Irgendwo muss ich mich doch suchen!‘, mag man jetzt einwenden, ‚Sonst entferne ich mich unweigerlich immer weiter von mir!‘. Das wage ich nicht, zu beurteilen, doch sicher ist: Der Grundgedanke meiner These führt mitnichten weg, sondern gerade hin zu uns selbst, allerdings in einer anderen Betrachtungsweise ––: Wir selbst nämlich sind zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens schon genau dort, von wo wir immer weg wollen, von wo wir fliehen, hin zur Fata Morgana eines nichtexistenten gelobten Landes des Wirselbstseins: Im Hier und Jetzt.
Durchaus: sich selbst besser kennenzulernen ist ethische Pflicht jedes denkenden Wesens und macht zu Recht einen wesentlichen Teil des menschlichen Strebens aus. Die in Angst und Bange vor dem Ungewissen fälschlicherweise erfolgende absolute Zutodeoptimierung jedoch kann keine Pflicht sein, denn um etwas sollen zu können muss man es – so schief der Satz klingen mag – auch können können.
Nun: Was wir können ist Leben. Leben ist stetige Veränderung. Nie werden wir uns selbst einholen, denn wir selbst sind unserem eigenen Begreifen in jedem Augenblick immer schon wieder einen Schritt voraus. Der Versuch, diese Unmöglichkeit des Optimalen mit einer Art täglichem jüngsten Gericht über unsere Unvollkommenheit, bei dem wir zugleich Richter, Henker und Delinquent sind, zu überbrücken, führt zu Klapsmühle und Magengeschwür.
Leben wir doch stattdessen nach unseren Möglichkeiten! Nur dann können wir diese auch in ihrem ganzen Reichtum ausleben. Halten wir die Freiheit und die Ungewissheit unseres Daseins aus, nein, erfreuen wir uns daran!

In uns existieren permanent hunderttausend seelische und körperliche, immer im Wandel begriffene Phänomene, die, werden sie über ein gewisses Maß auffällig und störend, von uns oder von anderen als ‚Krankheiten‘ charakterisiert werden. Jede wiederkehrende Regung in uns kann beginnen, so viel Raum einzunehmen, dass sie uns hinderlich wird und daraufhin von uns selbst, einem Arzt, oder sogar der Gesellschaft als ‚Krankheit‘ kategorisiert wird. Die natürliche und wichtige Trauer über den Verlust einer geliebten Person etwa kann in ‚krankhafte‘ Depression umschlagen; Liebe kann zur pathologischen Obsession werden usw., und auch bei körperlichen Beschwerden kann die Grenze fließend sein. So geht beispielsweise mit einer beginnenden Sehschwäche jeder anders um und entscheidet selbst, an welchem Punkt die Beeinträchtigung so intolerabel geworden ist, dass und auf welche Art er sie behandeln lässt.
Diese Beispiele sollen keinesfalls die Schulmedizin als hinfällig darstellen, oder ernste und lebensbedrohliche Krankheiten wegleugnen; schon gar nicht, wie in der Diskussion des Blogartikels von @wortgourmande*, auf den dieser Text ursprünglich eine Antwort war, kritisiert wurde, solche von Kindern. Sie dienen vielmehr der Illustration der Aussage, dass wir, wie eingangs gesagt, unendlich viele ‚Leiden‘, bestimmt von unserem Menschsein im Ansatz immer in uns tragen und sie durch das, was wir ‚Leben‘ nennen, in uns vereinen.

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Mein abschließender Appell – der Pathos sei mir verziehen – nimmt diese Feststellung zum Ausgang:
Entscheiden wir eigenmächtig und mit Verantwortung uns selbst gegenüber – nicht anhand eines abstrakten, unerreichbaren Ideals – von welchen Aspekten unserer inneren und äußeren Beschaffenheit Gefahr ausgehen kann und welche im Rahmen dessen liegen, was ganz einfach dieses Leben selbst, so wie es eben west, ist! Unter der simplen Einsicht, dass in uns ein ständiges Kräftespiel physischer und psychischer Prozesse wogt, die uns einerseits ausmachen, anderseits, ein gewisses – bei jedem anderes – Maß brechend, zur Bedrohung werden können. Mit der Kraft, all diese Prozesse immer wieder zu prüfen, anzunehmen und, wo Gefahr droht, positiv zu beeinflussen, und nicht mit dem Streben, sie einem starren und unerreichbaren Bild gemäß zu formen. Mit dem ständigen, stolzen Bewusstsein der eine große Verantwortung mit sich führenden Freiheit, letztendlich selbst als einzig wirkmächtige Instanz über uns den Stab zu brechen.

Abermals: Ein dem Leben verbundener Organismus strebt nicht nach sein Dasein und innerstes Wesen verachtender Perfektion, sondern nach dem erfahrbar Guten im Hier und Jetzt. Mit gebotener Verantwortung für die Zukunft, doch Herz und Hand, um dieses eigentlich schöne Bild einmal kontextfrei zu entlehnen, einzig in der Gegenwart. Die Form, die wir innehaben, wandelt sich stetig, aber in ihrem Grunde sehr langsam. Versuchen wir nicht, sie gewaltsam zu brechen und die Scherben neu zusammenzusetzen! Die Druckstellen der Schablonen, gewählt aus der Angst davor, sich jeden Tag, ganz auf sich selbst gestellt, neu verorten zu müssen – Grundlage unserer Existenz als vernunftbegabte Wesen –, zeigen sich als traurige, der Lebenskraft hinderliche Narben an Körper und Geist. Sie gehen tief unter die Haut und hören nie auf zu schmerzen. Sie machen krank.

Unbeirrter Mut zum Leben – dazu, es nicht auf einen unendlich fernen Moment der Perfektion zielend, sondern jede einzelne Sekunde frei und lebendig zu leben – schützt nicht vor dem Schicksal, doch erhält die tägliche Gesundheit und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu heilen. Trotz aller ‚Krankheiten‘, die in ihrem Ansatz schon immer Teil von uns, Teil des Lebens sind und von denen wir nie frei sein werden.

Seien wir mutig. Seien wir unverzagt. Leben wir!

***

Berlin/23/09/13

                                                                 

http://wortgourmande.wordpress.com/2013/09/23/was-sind-eigentlich-krankheiten/

Eisbein*, Wahl-O-Mat und Korn

AUSSEN – PRENZLAUER ALLEE – TAG

„Erich, wat hastn nu anjekreuzt?“
„Dit wer ick dia olle Plappatrine wohl uffe Nase bindn.“
„Komm, sach do ma! Also ick hab hier, die dings… die SE… also die Linkn jewählt.“
„Wat? Biste denn nu völlich bekloppt jeworn, ham dir fuffzich Jahre Osten imma no nich jereicht?“
„Na hör ma, du Sonntagsscharmör, so alt bin ick no ni…“
„Jaja, junge Dame, dit kannste den Trottel vonne Altnfleje azehln, aba do nich mir! Also ick vabiech ma nich mehr.“
„Klar, dit hamwa ja jestan jesehn. Du biechst nich, du brichst, nach drei Halbe undn Korn, int Klosett vonne Bahnhofspinte, du olla Suffkopp! Also watn nu? Ick muss ja wissn, wat ick fürn Menschn an meene Seite hab, so rein politüsch betrachtet.“
„Jetz reichtit ma aba, du dusslije Kuh! Wir ham unsre staatsbüjalich-jeheime Flicht jetan und die bleibt vadammt nomma ooch jeheim. Und nu is füa heute wüglich ma jut mit de Demokratie! Komm, meen Täubchen, jehnwa uff ne Pilsette undn Körnchen zu Bine, denn kannste ma ma den schicken neuen Automaten zeijen, wo Kalle imma seine Rente vajoldet.“

Ich verlasse mein Prenzlberger Wahllokal, Abschnitt 08/15, wie ich schätze, und schlendere, so unauffällig, wie es an so einem politisch aufgeladenen Sonntagmittag eben geht, hinter den beiden her.

Bine’s Kneipe, in die es Erich und sein Täubchen nun zieht, lockt zur Feier des Wahltages mit original Berliner Eisbein nebst 0,5er Pils für 6,80; ein Korn kostet einen Euro, ich habe eigentlich nichts weiter vor und werde den Teufel tun, mir dieses Angebot und die Chance auf weitere aufschlussreiche Wahlanalysen entgehen zu lassen.

Ich setze mich an einen Tisch in Hörweite der Spielautomaten und ordere die angepriesene Hausmacherkombi nebst zwei Korn. Bine kippt gerne einen davon mit und bedient mich schnoddrig aber schnell, genau, wie ich es mag. Ich bin in diesem Etablissement voll altehrwürdigen Berliner Geistes heilfroh darüber, hörbar von hier zu kommen und schenke dem verirrten, hektisch nach Bine winkenden Münchner Touripaar am Nebentisch meinen artigsten Mitleidsblick, sowie ein langes und genussvolles „Ahhh..!“, nach einem tiefen Zug aus meinem eiskalten, von ihnen meiner Schätzung nach noch eine bayrisch-katholische Ewigkeit sehnsüchtig zu erwartenden Schultheiss.

Erich und sein Täubchen haben währenddessen bereits ihren Automaten geentert, und nach einigem Debattieren mit Bine, ob der ‚Türke‘, wünscht man es denn, eher als Bine Klimpergeld für die Zockerei zu wechseln hat, oder nicht, und wie weit denn der ‚Türke‘ nun eigentlich weg ist, also ob er in der nächsten oder übernächsten Seitenstraße, und überhaupt, dass der ‚Türke‘ ja im Grunde seines Herzens ein sehr tüchtiger Mann… jedenfalls drehen sich die Räder des Automaten lustig, und der Teufel soll mich holen, wenn sie nicht haargenau aussehen, wie die Räder des Automaten nebenan und tausend weiterer HartzIV-Gräber in dieser ganzen verschissenen teutonisch-’sozialen‘ Pampelmusenrepublik voller Glücksritter jenseits der 60.

Mein Eisbein wird serviert und ich bin eine Weile abgelenkt. Die Bayern neben mir auch, denn „so a Hax’n die goar net recht knusprig is“ wollen sie dann doch nicht. Sie merken lustigerweise in ihrer kulinarischen Empörung nicht, wie anstatt ihrer Hax’n die gute Bine so schön langsam ein wenig knusprig wird, und ich überlege kurz, die zwei arglosen Fremden irgendwie dazu anzustiften, gewissermaßen als Tropfen auf die heiße Bine, möglichst hörbar ein „Saupreiß’n!“ über die Lippen zu bringen und mit mir zu wetten, ob Bine sie mit einem linken oder rechten Haken auf die noch vom Konfetti des letzten Ü50-Tanztees bedeckten Dielen unter uns zirkeln wird.
Nicht ohne Mühe bescheide ich mich jedoch zu völkerverständlichem Frieden, verdränge die Idee und falle ins Erbspüree ein.

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Das Geräusch heftigst goldeselnder Euromünzen im Auswurfschacht von Erich und Täubchens Automaten reißt mich wie eine überlaute, nicht enden wollende Maschinengewehrsalve fremden Glückes aus meinen, nach einem coolen Boxernamen für Bine grübelnden, erbspürierten Gedanken.

„Aba ick wollt dit Jeld do no ja nich ham!“
„Is halt wie bei de Lehmsvasicherung. Kannste da ja ooch nich aussuchn, wannden Arsch hochmachst und icke die janze Kohle kriech.“
„Du die janze Kohle? Na, ick wer da helfn!“
„Willste se etwa deine beklopptn Blajen jeem?“
„Um Jottes Willn, nee, allet, bloß dit nich, da kann ickse ja jenausojut direkt de Griechn hintn rin schiem.“
„Na siehste. Bei mir weeßte mindestn, dit Bine da ooch no wat von hat.“
„Ooch wieda wahr. Aba die drei Piepm, die da übrichbleim… Naja, nimmse und wer froh! Du samma, wolltnse dit Jesetz mit de Erbschaft nich neuadings ooch üngdwie ändan?
„Woher solln icke dit wissn?“
„Ick denk, du hast da de Wahlprojramme von die Spinna anjekiekt… Du, dit blinkt hia so komüsch, wo muss ickn da jetz ruffkloppn?“
„Nüngswo, kannste eh grad nüscht machn, der macht dit allet von janz von alleene. Wennde unbedingt wat machn willst, drückste ma hia, da jehste uff Risiko. Ick hab ma rinjekiekt, wenichstn bei de Bundeskanzlerünn mit ihre Schwarzn, aba da sitzte ja ooch vor wiet Schwein vorn Uhrwerk.“
„Oda wie icke vor dieset Scheiß Blinkedings hia. Aba sone Raute wie de Merkel könntick jetz janz jut jebrauchn, am liebstn dreie inne Reihe, denn jibtet orntlich Kohle! Aba bestümmt klapptit nur wennde die ooch jewählt hast. Da bin ick abajläubüsch.“
„Du Piepenzähla und abajläubüsch? Uff deine altn Taje, oda wat? Ick wer nich mehr!“
„Hast ja Recht. Wat sollt, is ja Wahlsonntach, jeh ick halt ma uff Risiko, wa? Prost, meen Täubchen!“
„Prost, du olla Miesepeta!“

Ich bin dank Bine’s perfekt choreographierten Kornanimationsprogrammes – ich kippe einen, sie lächelt verführerisch mit der Pulle in der Hand – ein wenig beschwipst und schaue gedankenverloren den lustig flackernden roten, grünen und gelben Lichtlein am Wahl..äh…dings..Banditenautomaten zu, der tutend und tütelnd Erich und Täubchens Rente mampft.

Drei Bier und sechs Korn später habe ich immer noch nicht erfahren, was Erich denn nun gewählt hat, beherrsche aber das Automatenspiel aus dem Effeff und habe in der letzten halben Stunde unter übermenschlichen Anstrengungen die redliche Absicht in mir herangezüchtet, von meinem muckelig warmgesessenen Blümchensitzkissen aufzustehen, um bei der, ob meiner verfrühten Kapitulation schmollmundig auf die Wanduhr starrenden, dicken Bine die schmale Zeche zu zahlen. Wie gerne würde ich mir ihre Falten noch ein wenig glatter trinken, wer weiß, was dieser hochdemokratisch vor sich hin dümpelnde Sonntag noch so alles bringen könnte…

Aber ach, ich muss gehen.

Die anderen Wahlhelfer des Abschnittes 08/15 vermissen mich bestimmt schon. Nicht, dass das mit dieser ganzen hochdemokratischen Zettelzählerei noch schiefgeht. So ganz ohne meine tatkräftige H..*hips*..ilfe.

                                        

* Eisbein, das: Altberliner Gericht. Gepökelter, gekochter, ergo fetter und schwabbliger Schweinsoberfuß. Wird traditionell mit Kartoffeln, Senf und Erbspüree serviert. Herunterspülen mit einigen Pils und reichlich Korn oder Kräuterlikör (traditionell: Mampe halb & halb) wärmstens empfohlen.

Berlin/22/09/13

Für diesen sterbenden Sommer…

 

An einen alten Baum

 

Im Rausch erglühtes Wesen über mir,

Das spendet: Schatten und den Ton im Wind,

Der seine Wimpern windend wendet,

Nach innen her, nach außen hin.

 

Der Mutter nah, des Himmels Launenspiel,

Bild

‚Vertraue!‘, ist sein einz’ges, stilles Wort,

‚Im Urgrund sei, zum Himmel baue!‘,

So führt mein Sinn sein Sinnen fort.

 

Doch er, der mir im Stillen zeigt,

Dass man erwächst, doch nie entrinnt,

Ist nur mehr da, und ist, und schweigt,

Gleich einem ewig sehnsuchtsfernen Kind.

 

Ich geh, und nie wird er mich greifen,

Er ist sich selbst Ergriffenheit.

Wie eine Frucht lässt er mich reifen,

Und übergibt mich meiner eig’nen Zeit.

 

07/2013/Chiemsee

Kann man so sehen – TwitterLiebe

Auf Wunsch eines einzelnen Twitterers (@DK_FineArt möchte namentlich nicht genannt werden) gebe ich hier mein DM-Gehacke an ihn über dieses Twitterkennenlerngedöns so wieder, und zwar so, wie Gott (also ich) es schuf. Mit allen Dingsen, Fehlern und Bumsen.  Kritik gerne, aber bitte nicht an mich, ich habe da freiwilliges Personal für (@DK_FineArt). Ich könnte das jetzt auf tausend Varianten relativieren, will es aber nicht, weil es einen Funken Wahrheit in sich trägt und das für mich den Gedanken rechtfertigt. Sollte das wider Erwarten trotzdem irgendwen spontan verliebt machen, bin ich gern unter meiner Chiffre (@DK_FineArt) zu Flirts bereit.

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Gruß & Kuss,

Emo

Die Verschwörung der Nudelsuppenwäscherei

AUSSEN – SCHÖNHAUSER ALLEE – MITTAG

Katerstimmung.

Ich bin am Verhungern, doch Hilfe naht. Meine ganz spezielle Rettung an diesem zum Kotzen schönen Sonntag inkarniert sich in Form des 12-Uhr-Sesam-Öffne-Dich der heimelig quietschenden Pforten des vietnamesischen Eckimbisses und dem noch drei Blöcke weiter präsenten betörenden Duft seiner (Zitat Bedienung): ‚Original-authenthisch-traditionell-kulinarisch-hausgemachten-leckerlecker-Nudelsuppe‘ namens Pho-Bo.

Der Barkeeper im Schwarzsauer hat mich vor drei Stunden zunächst in Engelsruhe, dann mit eher mittelzarter, aber zugegebenermaßen durchaus verdienter Bestimmtheit hinterm Tresen weggekehrt, und ich habe mir, sanft blaugefleckt, die Zeit bis zum Geschäftsbeginn des fernöstlichen Schlaraffenlandes damit vertrieben, auf der Bierbank vor meinem Lieblingsspäti die Reste der testosteron- und amphetamingeschwängerten Partyjugend aus der Vorstadt unter den wackligen Tisch zu saufen. Nun sitze ich endlich als erster Kunde bei Phong, dem Koch/Inhaber/Kassierer/Schankwirt/Rausschmeißer des Imbisses, und futtere nebst meiner vierten, mühsam mit drei zähflüssigen Mangolassi runtergespülten Ibuprofen800 eine dieser katerkillenden und 1A darmdurchspülenden Pho-Bo-Reisnudelsuppen.

Genauer gesagt, ich bin ganz kurz davor.

Die Pho-Bo nämlich ist eine hinterhältige Suppe mit höchst eigenwilligem Charakter.

Sie kommt unschuldig und gemütlich mit dem freundlich nickenden Geschnatter der buntbewamsten Bedienung in einer Schale daher, in der man ohne Weiteres einen mittelgroßen Säugling baden könnte, und täuscht dann erstmal mit einem monumentalen Haufen Tüdelkram ringsrum hart rechts an: Limetten, Chilischoten, unzählige Kräuter und ein drehbarer Blechweihnachtsbaum, an dem 42 Soßentöpfchen voll verlockendster Düfte bammeln, geben meinem whiskygeschundenen, nur noch aufs Fressen gepolten Hirnüberbleibsel sphingische Rätsel auf.

Dies ist die erste Angriffsphase der Pho-Bo: Verwirrung.

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Man sitzt eine Weile bedröppelt und vollkommen ratlos vor all der duftig-dampfenden Pracht, fasst probehalber alles mal kurz an und fragt sich höchst philosophische Dinge, wie beispielsweise: „…?“, bevor man beginnt, gedankenverloren aus dem Fenster zu starren und sich mit seinen von einem Hauch Limette und Chili delikat aromatisierten Fingern die Augen zu reiben. Nach den darauf für gewöhnlich folgenden, mit drei bis vier TsingTao runterzuspülenden fünf Phasen des Todes (Wutausbruch, Rumgeheule, Wutausbruch, hektische Augenpulerei, Wutausbruch), setzt vom Hunger getriggert so eine Art nervöse Übersprungshandlung ein, und man beginnt, wie eine geschenkbandentwirrende Comicfigur im Zeitraffer, alles, aber auch wirklich ALLES in diese gigantisch-rätselhafte Schüssel zu feuern.

Es folgt die zweite Angriffsphase der Pho-Bo: Tarnung & Täuschung.

Man meint sodann vollkommen irrigerweise, dass dieses nunmehr in allen Farben des Regenbogens sößchengebatikte Gebräu, nachdem man es eine halbe Stunde unter Kräutern, Limettenfetzen und Chillischnippeln begraben hat, eine Temperatur angenommen haben müsste, die nicht der des in einer Gulaschkanone kochenden Hinterns irgendeines vietnamesischen Dämons gleicht, und man nun ein erstes Löffelchen kosten könnte. Das ist natürlich axiomatisch falsch, gehört aber zum durchtriebenen Konzept.

Die Wahrheit ist: Mit der nun wie ein sanft wogendes Wasserkräuterbeet im Bergfrühling friedlich daliegenden Suppe könnte man viele lustige und durchaus erfreuliche Dinge anstellen (Bleigießen etwa, oder ein Mars frittieren) – essen kann man sie noch lange nicht.

Unter ihrer dünnen grünbunten Camouflage, die sie vollkommen ohne militärischen Eigenaufwand und absolut arbeitskostenneutral vom ahnungslosen Esser – dem Feind höchstselbst – verpasst bekommen hat, ist sie.. naja… eben noch ein klitzekleinwenig zu wärmelig.

Das führt uns zur dritten Angriffsphase der Pho-Bo: Tempo.

Während die Zunge des unfreiwilligen, mittlerweile bis zur geistigen Vernebelung hungrigen Suppenkunsthandwerkers beim früher oder später unweigerlich stattfindenden ersten Kosten das tragische Schicksal des oben erwähnten hypothetischen Mars-Riegels teilt, ist spätestens beim dritten Löffel die Temperatur des nur heiß genießbaren Schaleninhaltes um gefühlte 73° C gefallen.

Nun gilt es, so schnell wie möglich mittels des mitgelieferten Porzellanlöffels, der die orale Ergonomie eines Kaminbriketts besitzt, und zwei Stäbchen, die beim Auseinanderbrechen ein ungefähr so gleiches Paar ergeben wie Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito in ‚Twins‘, das sich in den unergründlichen Tiefen des Suppentopfes befindliche Nudelgewirr irgendwie in den seit einer quälenden Unendlichkeit immer wässriger werdenden Mund des der Pho-Bo zum Opfer gefallenen dem Brodem Geweihten zu verfrachten.

Es folgt die vierte und letzte Angriffsphase der Pho-Bo: Blanke Feuerkraft.

Damit meine ich nicht, was Sie jetzt denken. Die verdauungsfördernde Wirkung des durch rote Soßen und bunte Kräutlein mittlerweile die Brennenergie waffenfähigen Urans angenommen habenden Süppchens kann durchaus wohltuend und gesund sein; Nein, es ist vielmehr die durchtrieben kalkulierte Überlänge der an sich recht harmlosen Nudeln, die den Mund des diese nunmehr gierig und unter erwähntem Warmhaltezeitdruck verschlingenden armen Irren zu einer Art abgesägten Chili-Shotgun machen.

Wäre ich Inhaber so eines Nudelsuppe verkaufenden Imbisses wie Phong ihn hat – und Gott weiß: Wäre ich Inhaber eines Imbisses, wäre das ein Nudelsuppe verkaufender Imbiss -, wäre ich also, so wie Phong, Inhaber eines solchen Imbisses, würde ich die hohe Kunst erlernen, aus der Anordnung der sich unweigerlich auf Hemden, T-Shirts und Hosen ausbreitenden Suppenspritzer die Zukunft vorauszusagen. Und reich werden. Und glücklich. So wie Phong. Der Inhaber dieses Nudelsuppe verkaufenden Imbisses.

Jetzt aber hocke ich hier, in Phongs blödem Nudelsuppenimbiss, es ist Sonntag Mittag, ich bin verkatert und etwas mürbe im Kopf vom TsingTao und all den Ibuprofen, bekleckere mich von oben bis unten mit dieser Militärwaffe von einer Suppe, bestelle inzwischen doch wieder ein Lassi nach dem anderen, weil ich mir einbilde, davon meine Zunge wieder zu spüren, und Phong, dessen dämlicher Nudelsuppe verkaufender Imbiss das hier wie gesagt ist, wird reich und glücklich. Denn Phong, also der Besitzer dieses scheißarschverkackten Imbisses, muss gar nicht die Zukunft lesen können, um reich und glücklich zu werden. Seiner Frau gehört nämlich, also der Frau von Phong, dem HECKENPENNER, dem dieser GOTTVERDA..

Ich habe, glaube ich, einen kleinen Schwips.IMAG1195

Während ich in den letzten Zügen der Pho-Bo so vor mich hin brodele, äußerlich äußerst unansehnlich bekleckert, aber innerlich endlich halbwegs satt, und auf meine unweigerlich folgenden Bauchschmerzen warte, stellt mir Phong, der Besit.. stellt mir also mein Freund Phong einen Pflaumenwein hin, der mich wieder halbwegs auf den Damm bringt.

Ich zahle großzügig meine Zeche und gehe, wie immer, nachdem ich bei Phong essen war, nach nebenan. Dort ist die Wäscherei von Phongs Frau, die mich freundlich begrüßt, trotzdem ich sie blöd anglotze, mein bekleckertes T-Shirt ausziehe und ein paar zerknitterte Zettel zur Herausgabe meiner gewaschenen Hemden aus diversen Taschen hervorpolke.

Während ich dabei bin, meine Arme höchst artistisch im Shirt zu verknoten und meine Nase am engen, nicht über den Kopf schlupsen wollenden Kragen wundzuscheuern, kommt langsam und zäh der unvollendete Schlussgedanke meines vorherigen Wutausbruchs zurück.

‚Eine Wäscherei gekoppelt an einen Nudelsuppe verkaufenden Imbiss…‘

‚Eine Wäscherei gekop…‘

Das ist es!

Ich laufe äußerst grazil mit dem Shirt überm Kopf gegen den Tresen und kippe geschmeidig in die Bügelwäsche.

DAS ist das Geheimnis von Phongs freundlicher Miene und seinem glücklichen Reichtum: Nudelsuppe verkaufen und die sich automatisch daran anschließende Schadensbegrenzungsdienstleistung gleich mit monopolisieren!! Und nicht irgendeine Nudelsuppe! So ein Hundsfott von Nudelsuppe, die Pho-Bo nämlich, die ein normaler mitteleuropäischer Körperklaus, noch dazu wenn er ein klitzekleines Bisschen verkatert ist, überhaupt gar nicht essen KANN, ohne danach seine sämtlichen Klamotten für teuer Geld in die Hände eines Reinigungsfachmannes zu geben. Er verlässt den Imbiss, triefend wie ein Baby nach dem Bäuerchen, schaut betreten an sich hinunter, dann wieder hoch, und was sehen seine von dem ganzen Chiligedöns noch tränenden Augen? DIE WÄSCHEREI VON PHONGS FRAU!!

Das clevere Weib weiß natürlich ganz genau um die Wirkung der Nudeln in Phongs Suppe, und ich fresse einen Besen, wenn der Umsatz der Wäscherei nicht eins zu eins davon abhängt, wie viele nudelsuppenunkundige Nichtvietnamesen bei ihm ihre hellen Sommersachen mit Pho-Bo vollpropellern.

Und die Schaufel fresse ich noch dazu, wenn diese durchtriebenen Geschäftsleute nicht extra zu diesem Zweck BESONDERS lange Nudeln herstellen, exklusiv für uns vertrottelte Nichtnudelprofis.

Vielleicht hängt da ja sogar eine ganzer Zweig der vietnamesischen Unterhaltungsindustrie per versteckter Kamera mit drin, möglich ist da verdammt nochmal einfach alles, bei so viel kreativer Energie; man muss das im Auge behalten.

Ich fluche etwas tuberkulös in mich hinein, rapple mich nicht ganz ohne Mühe sowie unter einigem Würdeverlust schwerfällig auf und versuche, Phongs Frau wütend anzustieren.

Hm.

Das Problem an so tiefschürfenden Erleuchtungen über das innere Wesen der Welt ist bei mir nun leider, dass die Freude über die Erkenntnis derart außerordentlicher Dinge und die damit verbundene intellektuelle Leistung meinerseits mich allen Beteiligten des finsteren Komplotts gegenüber immer irgendwie äußerst milde und nachsichtig stimmt, da ich das Ganze ja durchschaut habe und es mir somit theoretisch nichts mehr anhaben kann.

Ich bin gewissermaßen Nudelsuppenwäschereiverschwörungsimmun geworden.

Phongs Frau mein schönstes Sonntagslächeln schenkend schnappe ich also, nicht merkend, dass ich immer noch barbrüstig in ihrem engen Nähstübchen stehe, meine wieder neusuppentaugliche Wäsche, stolpere mit wiedergewonnener Energie und Freude am Imbissleben aus der Wäscherei heraus und postwendend wieder in Phongs Nudelsuppe verkaufenden Imbiss hinein.

„He Phong! Neue Leinwände!! Was gibt’s denn so Feines zum Nachtisch?“

Ich glaube, ihn wissend grinsen zu sehen.

 

Kinder, Karl und Korn

AUSSEN – PRENZLAUER BERG – ABEND

Jetzt noch aufn Sprung in Hausschlappen beim Kaiser’s vorbei, schnell was Abendbrotiges… keine Chance. Der Dauerregen hat offensichtlich nicht nur meinen Kühlschrank leergespült.

So stehe ich feucht beschlappt in der Schlange, knabbere schon mal an so einem Brötchen2.0 namens Panini Rustico und lasse den Blick schweifen. Hübsche, junge Menschen mit gesundem Grünzeugs unterm einen und noch gesünderen Kindern unterm anderen Arm lassen mich leise und deutlich wissen, dass ich nicht mehr dazugehöre. Die Sonne hat sich am späten Nachmittag zum ersten Mal seit drei Tagen wieder gezeigt, und jetzt, wo sie schon fast wieder untergegangen ist, hat der sommerliche Wein-und-was-Leichtes-Appetit der wetterfühligen Birkenstockmamis und -Papis seinen Höhepunkt erreicht.

Ich kämpfe mich in der überfüllten Gemüseabteilung zu den Bananen vor und ernte böse, von mir ohne weiteres biologisch abbaubare Blicke, weil ich nicht die teuren mit den Flecken nehme. Wenn dieser Markt einen offiziellen Leitspruch hätte, dann wäre der wahrscheinlich sowas in der Richtung: ‚Tod durch den selbstgewebten Leinenstrang dem, der es wagt, mit sowas Profanem wie Brot, Knacker und Zwiebeln an der Kasse aufzukreuzen!‘ Ich verstecke meine Hausmachersülze dezent unter zwei Flaschen Berliner.

Die vorbeigeschleppten Kinder schauen mich groß an und lachen, wenn ich ihnen Grimassen schneide, so lange zumindest, bis die Eltern mich säuerlich mustern und ihnen erklären, was Gut und Böse ist. Fast hätte ich auch gern so eins, dann könnte ich selber… Nee… — Ich vertreibe den Gedanken.

Dann sehe ich meinen Freund Karl in der anderen Schlange, gebe meinen leichten Vorsprung auf, der an meiner Kasse sowieso nie was wert ist, und rollere mein rotes Einkaufsrollerdings zu ihm rüber. Karl ist Fischverkäufer der alten Garde, mit eigenem nordisch verbeultem Imbissanhänger, riecht also in dieser Reihenfolge nach Tabak, Bier und Fisch, und erdet mich sofort aufs Angenehmste.

In seinem Rollerdings liegt ein Sack Kartoffeln und ebenfalls zwei Berliner nebst einer Flasche Korn, weil morgen Sonntag ist. Er erzählt von seinem anstehenden Umzug nach zwei Ecken weiter und schimpft auf seine verzogenen Gören, die sich zu schade sind, mal ne halbe Stunde mit anzupacken, woraufhin ich ihm voller Mitgefühl meine Hilfe anbiete. Da wir aber beide wissen, wie das enden würde, lehnt er ab, und wir beschränken uns darauf, zu kosten, ob der Korn noch gut ist, und, das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend, auf die Was-soll-nur-aus-ihr-werden-Jugend zu prosten.

Nachdem wir beide dem netten Mädchen an der Kasse zum tausendsten Mal völlig erfolglos schöne Augen gemacht haben, nicken wir uns in einer ehrlichen, auf genau richtiger Distanz basierenden Zuneigung zu, und schaukeln jeder unserer Wege; der eine nach links, der andere nach rechts.

Wir haben beide das wohlige Gefühl, für heute unsere sozialen Verpflichtungen und Bedürfnisse voll und ganz erfüllt zu haben, und nur diese dussligen, großen Kinderaugen, die irgendwie immer noch in meinem Kopf rumkullern, machen mich ein bisschen melancholisch.

Als ich schon über die Kreuzung bin, höre ich, wie eine Tüte mit ziemlich viel Glas drin reißt und bedauere meinen armen Karl, der schwerfällig umdreht, um das ganze Spiel nochmal von vorne zu beginnen. Ich würde ihm gerne zur Seite stehen, aber ich muss an die Schreibmaschine, meine nächsten Panini Rustico verdienen.