Eintagsbuch eines pathologischen Narzissten

Zur einführenden Erklärung:

Als Narzisst hast du, grob gesagt, ein recht eingeschränktes Blickfeld. In deiner Welt kommen zwei Dinge vor: Du selbst und … naja .. irgendwas.

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Sonnenaufgang und los.

Morgens dankst du je nach emotionaler Wetterlage Gott – also dir selbst – für diesen schönen Tag oder schreist, wenn es ein schlechter ist, zutiefst indigniert gen Himmel, warum AUSGERECHNET DIR diese Scheiße schon wieder passieren muss. Im Bad hältst du deinen tausend Schönheitswässerchen und -Tübchen verzückt von deiner Eloquenz eine von Parfumwolken aufgeblähte Weltverbesserungsrede. Du hast das aus einem Roman geklaut, aber anstatt dass dir diese Tatsache ein bisschen komisch vorkommt, beglückwünschst du dein von genau richtig deplazierten Locken umflortes, unfassbar revolutionär dreinblickendes Konterfei im Spiegel dazu, so überaus wohlgeformt und gerade recht belesen zu sein. Eine Verbeugung ob deiner elfenbeinernen Geistigkeit wäre daselbst nun das Mindeste, und du bist erst in der Lage, deinen schwarz-gold gefliesten Tempel hinter dir zu lassen, nachdem du eine solche in der nervös zerknickten Dentagard-Tube ganz eindeutig zu erkennen meinst.

Du verlässt das Haus in einer dem energetischen Bersten nahen Blase dich umgebender Grandezza, deren angemessene Bewunderung du von jedem dir begegnenden Menschen nicht nur einforderst, sondern als Geste des guten Geschmacks schlicht voraussetzt.

Tagsüber beschäftigt dich grundsätzlich das uralte philosophische Problem: Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner sieht es; was genau und inwiefern hat das mit dir zu tun? Spektakulär ist der Tag nicht, denn du musst dein ehernes Haupt beugend Dinge tun, die weit unter deiner Würde sind. Überhaupt: Dinge tun zu MÜSSEN ist dir vollkommen ungemäß, und könntest du, wie du wolltest, würdest du all die dich aufs unfairste belästigenden Alltäglichkeiten des menschlichen Daseins nicht nur mit spitzen Fingern, sondern auch noch mit von Pegasusfell dick gepolsterten Strasshandschuhen anfassen.

Übergehen wir diesen unliebsamen Abschnitt des Tages also möglichst kommentarlos und kommen zum wesentlichen, deinem innersten Wesen endlich annähernd gerecht werdenden Teil des gemeinen Jammertales, in das dein alabasterner Ätherleib sich schändlich geworfen fühlt.

Es wird nun endlich Nacht und du begibst dich in eine Bar. Du weißt ganz genau, was du tun, wie du dich geben, was du sagen musst, um die Hühner heiß und schmachtend zu machen. Da du jedoch bei näherer Betrachtung keins von ihnen für wert erachtest, zwecks weiterführender Unternehmungen von deiner Eminenz angesprochen zu werden, schaust du, die schnöde Welt nicht mehr verstehend, zu, wie sie alle sich trotz ihrer natürlich ganz eindeutig erkennbaren Präferenz für deine schillernde Persönlichkeit von weit unter ihrem liegenden und Lichtjahre von deinem Niveau entfernten Sockenschläfern einwickeln lassen.

Das Kokain, der alternativlose Nachbrenner für deine Kreativität, Mannes- und Strahlkraft, massiert dich in einen starrhalsigen Selbstwertpriapismus hinein, dem selbst das Einsetzen deiner sich irgendwann vor überblasener Resignation Raum verschaffenden nervösen Lippenbeißfingernagelkauticks nichts anhaben kann.

Du führst über die Spanne des Abends Gespräche mit diversen Trinkern, einer Kaffeeemaschine und zwei armen, symptomatischerweise ungestoßenen Limetten, die sich in unverschämter Dreistigkeit vehement weigern, deine eindeutige intellektuelle Überlegenheit gebührend zu würdigen.

Nachdem du dem 60-jährigen Barkeeper erklärt hast, wie man klaren Schnaps auf korrekte Art und Weise einschenkt, und mehrfach weltmännisch bezahlt hast was er dir milde lächelnd als deine Zeche verkauft hat, ist dein rechtes Bein eingeschlafen, dein linkes steif, und dazwischen regt sich der Gedanke, dass die Nacht irgendwie unvollständig ist.

Im Bett landest du schlussendlich mit der übriggebliebenen Schaluppe, die sich, wie sich zu Hause herausstellt, weit mehr als nur den Mut, sich zu dir fernem Schönen an den Tresen zu hieven, angetrunken hat.

Trotzdem befriedigst du sie beflissen und gründlich bis in die frühen Morgenstunden, als letztgültigen Ansporn konstant den bewundernden Blick deines Nachbarn im Sinn, der dir nie wirklich glauben will, dass du nicht regelmäßig schillernde Lesbenpartys bei dir veranstaltest, sondern die sich ihm Nacht für Nacht darbietenden Geräusche mit ennervierender Ausdauer höchstselbst je nur einer sich deiner hochprofessionellen Horizontalabfertigung hingebenden Grazie entlockst.

Du schläfst, ohne auch nur annähernd zum Zug gekommen zu sein, neben einem glücklich müdegespielten Urviech von einer Frau ein, die, so denkst du noch in einer kurzen, hellsichtigen Sekunde vor deinem kaltfleischig vereinsamten Wegdämmern, eindeutig die Gewinnerin in dieser ganzen Nummer ist, was dein Kleinkindego so sehr in Rage versetzt, dass du unweigerlich in bitterböse autoaggressive Träume fällst, nach deren Ende du dich, vor formvollendeter körperlicher und seelischer Zerstückelung bibbernd und alleine erwachend, nichtsdestotrotz höchstselbst für deine Kreativität bezüglich der dir darin völlig ferngesteuert selbst zugefügten Leiden noch einmal ganz. herzlich. beglückwünschst.

***

Die Herren – und natürlich auch Damen –, die sich jetzt wiedererkannt haben, mögen nicht ob der sich augenscheinlich breitmachenden Hoffnungslosigkeit ihrer Lage resignieren; denn es bleibt mir aus eigener Erfahrung zu sagen: Es gibt Hoffnung auf positive Veränderung.

Sie beginnt mit der Frage: SOLLTE ich tatsächlich der Mittelpunkt der Welt sein, ihr einziger Gott und das Maß aller Dinge ––: Will ich wirklich, WIRKLICH so verdammt alleine sein?

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Macht ja sonst keiner

Ich bin kein guter Rebell*.

Mir fehlt die Muße, den scheuklappigen Empörungskult über eine bestimmte Sache länger als für die Dauer eines Kneipengespräches zu ertragen. Falsche Zeit, wirst du sagen, bist in der falschen Zeit geboren, Junge, ihr habt ja keine – PROBLEME MEHR werde ich, einen cholerischen Anfall über meine Nägel in die Lehne des Sessels ableitend, ergänzen und jedes dieser Worte werde ich dir mit den Zähnen in dein ignorantes Stereotypenhirn tätowieren wollen, liesbste(r) Mutter(Vater/Xyz).

Ich bin kein guter Rebell, weil ich, hm, vielleicht weil ich die Zeit, die meine rebellische Pubertätsphase hätte sein müssen, mit den 1-Euro-Rotweinliterflaschen vom Penny auf ein erträgliches Maß an Ficken, Rumhirnen und zwangsstörungsperfekt komponierte Gedichte zusammenstümpern runtergedummt habe. Vielleicht liegt es daran, vielleicht bin ich kurz nach dem unvermeidlichen Bruch des Kinderglaubens in irgendeiner postinfantil-glasglockigen Vorstellung von Alleswirdgut(zumindestmanchmal/esistjanochwasinderflasche) hängengeblieben und kann daher weder kindlich opponieren noch verwachsen irgendeinen STANDPUNKT VERTRETEN (geschweige denn irgendeine Sorte Milch im Supermarkt auswählenBio1,5%Normal3,2%HomoHeteroBullshitmilchvonartgerechtenFreilandshitbullen).

Doch vielleicht habe auch ich Recht, und es liegt weder an unserer /o\-Zeit, noch an der pennerglückinduzierten Adoleszenzresilienz meiner Knackarschjahre, sondern einfach nur daran, dass die sich zeugenjehovahaft aufdrängende Erkenntnis der Grenzenlosen, nichtmal ansatzweise auslöschbaren Unfairness auf dieser Welt mich Wege hat suchen lassen, meine Rebellion vollkommen nach innen zu krempeln, die UNGERECHTIGKEIT auszusperren und eine grenzenlose Liebe zu allen Schicksalen, Körpern und Seelen zu gebären und zu nähren, die auf der Erde herumkreuchen und -fleuchen (wenn sie das noch können, einige liegen in Betten, gefesselt an einen toten Körper und trotzdem gebunden an Werte, die sie sich selbst für ihre unverschuldete Ausweglosigkeit, hassen lassen, etc.).

Eure Rebellion ist, ganz gleich eurem Establishment, Luxus für mich. Haltung ist Luxus, und eure Stärke, eure GESUNDHEIT ist Perpetuierung der unausweichlichen Ungerechtigkeit; eure Rebellion will den ganzen verwarzten Mutterkuchen der Raffgier neu aufteilen, während das Kind, der Geist, die Verbundenheit, die Antibüchse der Antipandora unbeachtet in den Dreck gefallen ist und dort, ein vollgeschissener Zeitgeistgrenouille**, dem Tod nur um den Preis unendlicher innerer Härte von der Schippe, auf die wir uns gegenseitig nehmen, springen kann. Mein Antirebellentum ist die Wiege und das Stroh dieses stummgreinenden, verachtlosten Schmuddelkindes. Mein Antirebellentum will wieder sowas wie Liebe aufwachsen sehen. Macht ja sonst keiner.


*zustimmen kann ich auch schlecht, aber darum gehts hier nicht
** egal welcher zeit, war nie anders