Eintagsbuch eines pathologischen Narzissten

Zur einführenden Erklärung:

Als Narzisst hast du, grob gesagt, ein recht eingeschränktes Blickfeld. In deiner Welt kommen zwei Dinge vor: Du selbst und … naja .. irgendwas.

***

Sonnenaufgang und los.

Morgens dankst du je nach emotionaler Wetterlage Gott – also dir selbst – für diesen schönen Tag oder schreist, wenn es ein schlechter ist, zutiefst indigniert gen Himmel, warum AUSGERECHNET DIR diese Scheiße schon wieder passieren muss. Im Bad hältst du deinen tausend Schönheitswässerchen und -Tübchen verzückt von deiner Eloquenz eine von Parfumwolken aufgeblähte Weltverbesserungsrede. Du hast das aus einem Roman geklaut, aber anstatt dass dir diese Tatsache ein bisschen komisch vorkommt, beglückwünschst du dein von genau richtig deplazierten Locken umflortes, unfassbar revolutionär dreinblickendes Konterfei im Spiegel dazu, so überaus wohlgeformt und gerade recht belesen zu sein. Eine Verbeugung ob deiner elfenbeinernen Geistigkeit wäre daselbst nun das Mindeste, und du bist erst in der Lage, deinen schwarz-gold gefliesten Tempel hinter dir zu lassen, nachdem du eine solche in der nervös zerknickten Dentagard-Tube ganz eindeutig zu erkennen meinst.

Du verlässt das Haus in einer dem energetischen Bersten nahen Blase dich umgebender Grandezza, deren angemessene Bewunderung du von jedem dir begegnenden Menschen nicht nur einforderst, sondern als Geste des guten Geschmacks schlicht voraussetzt.

Tagsüber beschäftigt dich grundsätzlich das uralte philosophische Problem: Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner sieht es; was genau und inwiefern hat das mit dir zu tun? Spektakulär ist der Tag nicht, denn du musst dein ehernes Haupt beugend Dinge tun, die weit unter deiner Würde sind. Überhaupt: Dinge tun zu MÜSSEN ist dir vollkommen ungemäß, und könntest du, wie du wolltest, würdest du all die dich aufs unfairste belästigenden Alltäglichkeiten des menschlichen Daseins nicht nur mit spitzen Fingern, sondern auch noch mit von Pegasusfell dick gepolsterten Strasshandschuhen anfassen.

Übergehen wir diesen unliebsamen Abschnitt des Tages also möglichst kommentarlos und kommen zum wesentlichen, deinem innersten Wesen endlich annähernd gerecht werdenden Teil des gemeinen Jammertales, in das dein alabasterner Ätherleib sich schändlich geworfen fühlt.

Es wird nun endlich Nacht und du begibst dich in eine Bar. Du weißt ganz genau, was du tun, wie du dich geben, was du sagen musst, um die Hühner heiß und schmachtend zu machen. Da du jedoch bei näherer Betrachtung keins von ihnen für wert erachtest, zwecks weiterführender Unternehmungen von deiner Eminenz angesprochen zu werden, schaust du, die schnöde Welt nicht mehr verstehend, zu, wie sie alle sich trotz ihrer natürlich ganz eindeutig erkennbaren Präferenz für deine schillernde Persönlichkeit von weit unter ihrem liegenden und Lichtjahre von deinem Niveau entfernten Sockenschläfern einwickeln lassen.

Das Kokain, der alternativlose Nachbrenner für deine Kreativität, Mannes- und Strahlkraft, massiert dich in einen starrhalsigen Selbstwertpriapismus hinein, dem selbst das Einsetzen deiner sich irgendwann vor überblasener Resignation Raum verschaffenden nervösen Lippenbeißfingernagelkauticks nichts anhaben kann.

Du führst über die Spanne des Abends Gespräche mit diversen Trinkern, einer Kaffeeemaschine und zwei armen, symptomatischerweise ungestoßenen Limetten, die sich in unverschämter Dreistigkeit vehement weigern, deine eindeutige intellektuelle Überlegenheit gebührend zu würdigen.

Nachdem du dem 60-jährigen Barkeeper erklärt hast, wie man klaren Schnaps auf korrekte Art und Weise einschenkt, und mehrfach weltmännisch bezahlt hast was er dir milde lächelnd als deine Zeche verkauft hat, ist dein rechtes Bein eingeschlafen, dein linkes steif, und dazwischen regt sich der Gedanke, dass die Nacht irgendwie unvollständig ist.

Im Bett landest du schlussendlich mit der übriggebliebenen Schaluppe, die sich, wie sich zu Hause herausstellt, weit mehr als nur den Mut, sich zu dir fernem Schönen an den Tresen zu hieven, angetrunken hat.

Trotzdem befriedigst du sie beflissen und gründlich bis in die frühen Morgenstunden, als letztgültigen Ansporn konstant den bewundernden Blick deines Nachbarn im Sinn, der dir nie wirklich glauben will, dass du nicht regelmäßig schillernde Lesbenpartys bei dir veranstaltest, sondern die sich ihm Nacht für Nacht darbietenden Geräusche mit ennervierender Ausdauer höchstselbst je nur einer sich deiner hochprofessionellen Horizontalabfertigung hingebenden Grazie entlockst.

Du schläfst, ohne auch nur annähernd zum Zug gekommen zu sein, neben einem glücklich müdegespielten Urviech von einer Frau ein, die, so denkst du noch in einer kurzen, hellsichtigen Sekunde vor deinem kaltfleischig vereinsamten Wegdämmern, eindeutig die Gewinnerin in dieser ganzen Nummer ist, was dein Kleinkindego so sehr in Rage versetzt, dass du unweigerlich in bitterböse autoaggressive Träume fällst, nach deren Ende du dich, vor formvollendeter körperlicher und seelischer Zerstückelung bibbernd und alleine erwachend, nichtsdestotrotz höchstselbst für deine Kreativität bezüglich der dir darin völlig ferngesteuert selbst zugefügten Leiden noch einmal ganz. herzlich. beglückwünschst.

***

Die Herren – und natürlich auch Damen –, die sich jetzt wiedererkannt haben, mögen nicht ob der sich augenscheinlich breitmachenden Hoffnungslosigkeit ihrer Lage resignieren; denn es bleibt mir aus eigener Erfahrung zu sagen: Es gibt Hoffnung auf positive Veränderung.

Sie beginnt mit der Frage: SOLLTE ich tatsächlich der Mittelpunkt der Welt sein, ihr einziger Gott und das Maß aller Dinge ––: Will ich wirklich, WIRKLICH so verdammt alleine sein?

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Macht ja sonst keiner

Ich bin kein guter Rebell*.

Mir fehlt die Muße, den scheuklappigen Empörungskult über eine bestimmte Sache länger als für die Dauer eines Kneipengespräches zu ertragen. Falsche Zeit, wirst du sagen, bist in der falschen Zeit geboren, Junge, ihr habt ja keine – PROBLEME MEHR werde ich, einen cholerischen Anfall über meine Nägel in die Lehne des Sessels ableitend, ergänzen und jedes dieser Worte werde ich dir mit den Zähnen in dein ignorantes Stereotypenhirn tätowieren wollen, liesbste(r) Mutter(Vater/Xyz).

Ich bin kein guter Rebell, weil ich, hm, vielleicht weil ich die Zeit, die meine rebellische Pubertätsphase hätte sein müssen, mit den 1-Euro-Rotweinliterflaschen vom Penny auf ein erträgliches Maß an Ficken, Rumhirnen und zwangsstörungsperfekt komponierte Gedichte zusammenstümpern runtergedummt habe. Vielleicht liegt es daran, vielleicht bin ich kurz nach dem unvermeidlichen Bruch des Kinderglaubens in irgendeiner postinfantil-glasglockigen Vorstellung von Alleswirdgut(zumindestmanchmal/esistjanochwasinderflasche) hängengeblieben und kann daher weder kindlich opponieren noch verwachsen irgendeinen STANDPUNKT VERTRETEN (geschweige denn irgendeine Sorte Milch im Supermarkt auswählenBio1,5%Normal3,2%HomoHeteroBullshitmilchvonartgerechtenFreilandshitbullen).

Doch vielleicht habe auch ich Recht, und es liegt weder an unserer /o\-Zeit, noch an der pennerglückinduzierten Adoleszenzresilienz meiner Knackarschjahre, sondern einfach nur daran, dass die sich zeugenjehovahaft aufdrängende Erkenntnis der Grenzenlosen, nichtmal ansatzweise auslöschbaren Unfairness auf dieser Welt mich Wege hat suchen lassen, meine Rebellion vollkommen nach innen zu krempeln, die UNGERECHTIGKEIT auszusperren und eine grenzenlose Liebe zu allen Schicksalen, Körpern und Seelen zu gebären und zu nähren, die auf der Erde herumkreuchen und -fleuchen (wenn sie das noch können, einige liegen in Betten, gefesselt an einen toten Körper und trotzdem gebunden an Werte, die sie sich selbst für ihre unverschuldete Ausweglosigkeit, hassen lassen, etc.).

Eure Rebellion ist, ganz gleich eurem Establishment, Luxus für mich. Haltung ist Luxus, und eure Stärke, eure GESUNDHEIT ist Perpetuierung der unausweichlichen Ungerechtigkeit; eure Rebellion will den ganzen verwarzten Mutterkuchen der Raffgier neu aufteilen, während das Kind, der Geist, die Verbundenheit, die Antibüchse der Antipandora unbeachtet in den Dreck gefallen ist und dort, ein vollgeschissener Zeitgeistgrenouille**, dem Tod nur um den Preis unendlicher innerer Härte von der Schippe, auf die wir uns gegenseitig nehmen, springen kann. Mein Antirebellentum ist die Wiege und das Stroh dieses stummgreinenden, verachtlosten Schmuddelkindes. Mein Antirebellentum will wieder sowas wie Liebe aufwachsen sehen. Macht ja sonst keiner.


*zustimmen kann ich auch schlecht, aber darum gehts hier nicht
** egal welcher zeit, war nie anders

Ein übler Streit

Ansichten eines Dreckspoeten

Man streitet. So ist das nunmal. Man streitet aus banalen Gründen. Dann sagt oder tut man sich Dinge an. Und die Banalität ist dahin. Sie blickt dich stirnrunzelnd an und zieht sich in eine Ecke zurück.

Alte Bekannte kommen vorbei, Herr Trotz, Frau Wut und deren Enkel Ignorant und Verletzt. Sie geben Ratschläge, ohja, das tun sie. Man mag sie nicht besonders, weil sie immer so lange bleiben. Selbst wenn die Banalität den Tisch längst abgeräumt hat; sie bleiben. Und hören nicht auf, bis tief in die Seele zu ratschlagen.

Später klingelt es an der Tür. Da steht die alte Traurigkeit und wird von der Sehnsucht gestützt. Und beide drängeln sich einfach hinein. Die Familie Tränen hatte sich hinter ihnen im Dunkeln gehalten und schlüpft nun, fast unbemerkt, auch noch durch die Tür.

Es gibt ein großes Hallo und fast scheint es wie Wiedersehensfreude. Alles redet durcheinander. Es dauert nicht…

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Apollogier.

Ich tat dir nicht weh, ich tat, schöpfte ein wiruns und tat uns in blut, denn ich wollte an dir nicht mehr frieren, und nichtfrieren ging nur, wenn du nah warst und ich unsere angst entgratete an deinen lippen, denn alles war frisch und wollte zur wärme, denn zweifel will verkocht werden, immer verkocht bei 100% gerade, nur dann verkocht zweifel, wenn diese geradezahl erreicht ist, und es gibt nur diese geradezahl und sonst eine große, kalte 0, aber verantwortung, ja, wo ist sie und wer hat sie eigentlich bestellt, warst du das, nüchternheit, nein, du hast pizza bestellt und keine verantwortung, die verantwortung ist das trinkgeld gottes und wer am beherztesten kellnert in dieser welt, wer sich am aufrichtigsten um den servicejob mensch bemüht, kriegt die meiste davon in die schürze geschmissen und ich weiß, du bist aufrecht und gut, und ich bin es auch, das oder übertipt, und da kommt nichts weiter an automatischem letting go, das müssen wir schon selbst goen letten, komm, das bisschen blut, da hilft kein honig, da hilft nur mehr blut, dann sieht man das bisschen nicht mehr, komm her, komm zur blutstätte, und sieh, wie sich alles ins gegenblut wendet, wie verantwortung dem toten zurückgegeben wird und zweifel der 0 und frieren den immerlauwarmen und etwas von bedeutung entsteht aus deimeinen blut, ein lippenpaarpaar aus purpur, und sich von nichts mehr beirren lässt.

Onsemaunten (aufm Berch)

Altes Wien und Rin Tin Tin.
Berge! Macht mich wieder rein
Weit ist, was das Nächste schien ––:
Gehen. Geh’n. Gegangen sein. 

Aus den Wolken in die Wolken
Schlimmitieren können wir
Mit Hirneszwirn an Wolken polken:
Gaga, Kunst und Phallengier.

Nun geh ich entgipfelgegen,
Geh allein, geh mit mir fort
An den lang vergess’nen Ort
Über dem Gedankenregen.

O, die Freud‐ und Leitromantik!
Schwellend Brust und Geisteshöh‘
“Rua jetzt, Bub; moch mi net grantig!
Guades tut auch bissl Weh.”

Also weiter. Amethysten
Glimmt ein Zeitvergehensrest
Macht sich wichtig, will noch nisten 
Will noch Nestroy, will noch Nest.

Will noch IMMER, doch ergibt sich
Kleinlaut dem ersehnten Klar
Birgt im Kropf den feisten Flimmer
Schweigt endlich im Wunderbar.

Stille.
Aller Taten Ende
Heimkehr unter altes Zelt
Und zwei grosse Vaterhände
Legen sanft sich um die Welt.

***

Ich wünschte oft…

Jemand stirbt…

…und hinterlässt Kinder. Ergebnisse einer künstlichen Befruchtung. Risikoreich. Schwer. Eines der drei Kinder starb bei der Geburt. Die anderen beiden: schwer durchgekommen; nun zauberhafte kleine Menschenwesen.

Jemand starb. Eine Frau war es, eine O so lebendige Frau, die unverhofft dem Krebs erlag. Eine Frau aus meiner Familie, doch das ist nicht wichtig. Meine Trauer ist MEINE Trauer. Sie geht niemanden etwas an. Doch was dieser jemand, der starb; diese Frau – eine Frau in einem Alter, in dem niemand sterben sollte – hinterlässt, sind paralysierte Menschen an tausend Grenzen des Ertragbaren:

Da bleiben Eltern, die ihre eigene Tochter beerdigen müssen.
Da bleibt ein Mann, der seine Frau zu Grabe trägt, die beiden Kinder auf dem Arm halten müssend, einem Arm, der eigentlich nicht einmal die Kraft hat, seine eigenen, für die meisten Menschen nicht einmal ansatzweise denkbare Tränen weinenden Augen zu bedecken.
Da bleiben die beiden Kinder, die Kinder auf seinem Arm, die ihre Mutter nicht zu Grabe tragen können, weil doch weder ihr Herz noch ihre Arme stark genug dafür sind.

Und dann sind dort Menschen, die dazu sagen: „Es war schon unverantwortlich…“

Und damit die Kinder meinen. Die Existenz dieser noch ganz und gar milchhäutigen Wesen.

‚Menschen‘, die sich flüchten in ein Begreifen der Situation, das ganz und gar grenzenloses Nichtbegreifenwollen ist, und die Schuld für den natürlich weltenzerreißenden Tod einer Toten und die unendliche Einsamkeit deren Kinder und des Mannes auf eine – dieselbe – Tote laden. Dieselbe Tote, die zu betrauern sie ihre Zähne in das Leichenschmausspanferkel schlagen.

NEIN.

Das lasse ich nicht zu.

Dabei weiß ich nicht einmal – muss ich nicht wissen! – , wie ich über künstliche Befruchtung denke. Mögliche Schuld und gnadenloser Zynismus in tiefstem Leid sind Dinge, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Das eine ist menschengegeben. Das andere als bloße Menschenverneinung von ‚Menschen‘ geschaffen.

Keine Miene verzöge ich, lägen die niederträchtigen Zungen dieser Verächter allen sich in seinem Schicksal mühsam windenden Lebens ebenfalls tief begraben.

Einen Stein bräuchte es für sie nicht.

Sie sind selbst schon lange nichts als kaltes, unschürfbares Erz eines fernen, toten Planeten.

Ich wünschte oft, ich würde sie nicht alle – trotz Allem – lieben.

***