Macht ja sonst keiner

Ich bin kein guter Rebell*.

Mir fehlt die Muße, den scheuklappigen Empörungskult über eine bestimmte Sache länger als für die Dauer eines Kneipengespräches zu ertragen. Falsche Zeit, wirst du sagen, bist in der falschen Zeit geboren, Junge, ihr habt ja keine – PROBLEME MEHR werde ich, einen cholerischen Anfall über meine Nägel in die Lehne des Sessels ableitend, ergänzen und jedes dieser Worte werde ich dir mit den Zähnen in dein ignorantes Stereotypenhirn tätowieren wollen, liesbste(r) Mutter(Vater/Xyz).

Ich bin kein guter Rebell, weil ich, hm, vielleicht weil ich die Zeit, die meine rebellische Pubertätsphase hätte sein müssen, mit den 1-Euro-Rotweinliterflaschen vom Penny auf ein erträgliches Maß an Ficken, Rumhirnen und zwangsstörungsperfekt komponierte Gedichte zusammenstümpern runtergedummt habe. Vielleicht liegt es daran, vielleicht bin ich kurz nach dem unvermeidlichen Bruch des Kinderglaubens in irgendeiner postinfantil-glasglockigen Vorstellung von Alleswirdgut(zumindestmanchmal/esistjanochwasinderflasche) hängengeblieben und kann daher weder kindlich opponieren noch verwachsen irgendeinen STANDPUNKT VERTRETEN (geschweige denn irgendeine Sorte Milch im Supermarkt auswählenBio1,5%Normal3,2%HomoHeteroBullshitmilchvonartgerechtenFreilandshitbullen).

Doch vielleicht habe auch ich Recht, und es liegt weder an unserer /o\-Zeit, noch an der pennerglückinduzierten Adoleszenzresilienz meiner Knackarschjahre, sondern einfach nur daran, dass die sich zeugenjehovahaft aufdrängende Erkenntnis der Grenzenlosen, nichtmal ansatzweise auslöschbaren Unfairness auf dieser Welt mich Wege hat suchen lassen, meine Rebellion vollkommen nach innen zu krempeln, die UNGERECHTIGKEIT auszusperren und eine grenzenlose Liebe zu allen Schicksalen, Körpern und Seelen zu gebären und zu nähren, die auf der Erde herumkreuchen und -fleuchen (wenn sie das noch können, einige liegen in Betten, gefesselt an einen toten Körper und trotzdem gebunden an Werte, die sie sich selbst für ihre unverschuldete Ausweglosigkeit, hassen lassen, etc.).

Eure Rebellion ist, ganz gleich eurem Establishment, Luxus für mich. Haltung ist Luxus, und eure Stärke, eure GESUNDHEIT ist Perpetuierung der unausweichlichen Ungerechtigkeit; eure Rebellion will den ganzen verwarzten Mutterkuchen der Raffgier neu aufteilen, während das Kind, der Geist, die Verbundenheit, die Antibüchse der Antipandora unbeachtet in den Dreck gefallen ist und dort, ein vollgeschissener Zeitgeistgrenouille**, dem Tod nur um den Preis unendlicher innerer Härte von der Schippe, auf die wir uns gegenseitig nehmen, springen kann. Mein Antirebellentum ist die Wiege und das Stroh dieses stummgreinenden, verachtlosten Schmuddelkindes. Mein Antirebellentum will wieder sowas wie Liebe aufwachsen sehen. Macht ja sonst keiner.


*zustimmen kann ich auch schlecht, aber darum gehts hier nicht
** egal welcher zeit, war nie anders

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