Ich wünschte oft…

Jemand stirbt…

…und hinterlässt Kinder. Ergebnisse einer künstlichen Befruchtung. Risikoreich. Schwer. Eines der drei Kinder starb bei der Geburt. Die anderen beiden: schwer durchgekommen; nun zauberhafte kleine Menschenwesen.

Jemand starb. Eine Frau war es, eine O so lebendige Frau, die unverhofft dem Krebs erlag. Eine Frau aus meiner Familie, doch das ist nicht wichtig. Meine Trauer ist MEINE Trauer. Sie geht niemanden etwas an. Doch was dieser jemand, der starb; diese Frau – eine Frau in einem Alter, in dem niemand sterben sollte – hinterlässt, sind paralysierte Menschen an tausend Grenzen des Ertragbaren:

Da bleiben Eltern, die ihre eigene Tochter beerdigen müssen.
Da bleibt ein Mann, der seine Frau zu Grabe trägt, die beiden Kinder auf dem Arm halten müssend, einem Arm, der eigentlich nicht einmal die Kraft hat, seine eigenen, für die meisten Menschen nicht einmal ansatzweise denkbare Tränen weinenden Augen zu bedecken.
Da bleiben die beiden Kinder, die Kinder auf seinem Arm, die ihre Mutter nicht zu Grabe tragen können, weil doch weder ihr Herz noch ihre Arme stark genug dafür sind.

Und dann sind dort Menschen, die dazu sagen: „Es war schon unverantwortlich…“

Und damit die Kinder meinen. Die Existenz dieser noch ganz und gar milchhäutigen Wesen.

‚Menschen‘, die sich flüchten in ein Begreifen der Situation, das ganz und gar grenzenloses Nichtbegreifenwollen ist, und die Schuld für den natürlich weltenzerreißenden Tod einer Toten und die unendliche Einsamkeit deren Kinder und des Mannes auf eine – dieselbe – Tote laden. Dieselbe Tote, die zu betrauern sie ihre Zähne in das Leichenschmausspanferkel schlagen.

NEIN.

Das lasse ich nicht zu.

Dabei weiß ich nicht einmal – muss ich nicht wissen! – , wie ich über künstliche Befruchtung denke. Mögliche Schuld und gnadenloser Zynismus in tiefstem Leid sind Dinge, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Das eine ist menschengegeben. Das andere als bloße Menschenverneinung von ‚Menschen‘ geschaffen.

Keine Miene verzöge ich, lägen die niederträchtigen Zungen dieser Verächter allen sich in seinem Schicksal mühsam windenden Lebens ebenfalls tief begraben.

Einen Stein bräuchte es für sie nicht.

Sie sind selbst schon lange nichts als kaltes, unschürfbares Erz eines fernen, toten Planeten.

Ich wünschte oft, ich würde sie nicht alle – trotz Allem – lieben.

***

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