Rost Scriptum – Drüberdrunterdrumherum.

Ich habe so viel, so unendlich viel belangloses Zeug gelesen. Ich habe es gelesen und es war nicht tief in mir zu gleicher Zeit, so wie Erlesenes sein soll, und ich wollte es wieder loswerden, und es blieb doch an der Rinde meines Bewusstseins kleben wie ein Rand von dünnem Kaffee am Untersetzer oder die herb-nutzlose Erinnerung an einen liebgewonnenen und dann irgendwo unwiederbringlich verlorengegangenen Gegenstand in der Lost-&-found-Box des Unterbewusstseins.

Das Schlimme daran, an all diesen Kaffeerändern im Hirn, ist nicht der blanke, gedankenameisenanlockende Dreck, der ließe sich immerhin ignorieren wie die Staubschicht auf einer empfangsgestörten Bildröhre, nein, das mich immer wieder zum besinnungslosen Zerreißen ganzer Bücher, auch guter Bücher, Treibende ist das eigene Selbstzentriertsein, das mich in solchen Kaffeerandvergewaltigungsmomenten ins Schreiben drängt, auch dann, wenn ich, was meistens der Fall ist, besser daran täte, einfach nur die Klappe zu halten und weiter zu lesen oder, um einiges besser noch, stumm und ehrfürchtig in den gestirnten Himmel zu glotzen. O, diese nagenden Imperative des Autoren! – Das: ‚Alles Idioten! Das kann ich besser…‘, das: ‚Da fehlt doch, Himmelherrgottnochmal, mindestens die halbe Welt!‘, das: ‚Wenn wir schon alle nur blanken Unsinn schreiben, dann meistern wir doch bitte mal wieder wenigstens IRGENDEINE Form, am besten eine von zarter Anmut, VERFLUCHTE SCHEISSE!‘, und tausend andere hirnrissige Selbstbetrügereien dafür, sich wider besseres Wissen bedeutsam und einzigartig vorzukommen und den sich nie wirklich neu formenden, immer muffigen Ausdruck des ganzen Luxusausschusses, den man, sich stetig im Kreis drehend, in sich angesammelt hat, in nicht, nirgends, niemals zum Punkt kommen wollenden Schleiersätzen aufs Papier zu weltschmerzen (performativer Beweis erbracht – *Badumm Tss*). Trotzdem tun wir besessenen Homo Labers es immer, immer wieder und werden es für immer und immer tun.

Aber bitte, liebe Freunde: Das allein ist doch für alle Umstehenden schon anstrengend genug. Müssen wir den wirklich und tatsächlich auch noch über das uns so elend plagende Schreiben schreiben? Sicher: Grausam göttlich und aphoristisch weltbewegend geht es zu, wenn Walsers übers Walsern walsern; die Restzuckungen einer sterbenden Eintagsfliege wirken fast banal dagegen. Doch bitte: Wer für Schreibende über das Schreiben schreibt, ist entweder Lehrer, kann also von seiner eigenen Schreiberei nicht leben, oder will Belehrender sein, ist also ein Arschloch. Wer hingegen für Menschen, die nicht schreiben, über das Schreiben schreibt, ist bestenfalls noch Narzisst (Hier natürlich das übliche Aussnahmenbestätigendieregelblabla einfügen).

Liebe Freunde, ihr wisst es doch so gut wie ich: Lesen ist verdammt anstrengend. Zumal, wenn, wie es in dieser fast immer zum Kotzen verschwurbelten ‚anspruchsvollen‘ Belletristik meistens der Fall ist, das Geschriebene von Dingen handelt, die nicht zu beschreiben sind, will sagen: von den einzig interessanten. Lesen ist immer auch eine Höllenplage, so wie der Kater nach zu viel Schnaps, nur, dass sich beim Lesen eines den Rezipienten herausfordernden Textes nervenzerhämmernder Kopfschmerz und beflügelnd-betörender Suff im Moment des Lektüre’genusses‘ nahezu kongruent überlappen. IMMER tut es auch weh.

Schreiben wir also nicht auch noch dauernd darüber, wie, warum und mit welchen Gefühlchen wir unsere Kompilationen an Anstrengungsimperativen, genannt ‚Text‘, zusammenstoppeln! So hart es klingen mag: Lieber höre ich an einem diesigen Novembertag einem Schwein beim übers Schwein sein Grunzen zu, als mich in unserem Modder auch noch zu wälzen. Das ist trotz meiner groben Schweinssprachenunkenntnis immer noch gefühlte ziemlichviel Prozent lehrreicher und hat immerhin einen gewissen Unterhaltungswert. Und der, liebe Freunde, ist wichtig; erzählt, was ihr wollt. Wer nämlich langweilt, der tötet im Ohr des Publikums noch der weisesten Worte Sinn.

Ich habe mich aufgerafft, einmal über das Schreiben zu schreiben; einmal (unter uns: einmal mehr) über den Rost auf der blanken Klinge des Wortes zu streichen. Ich tue es nie wieder*. Jetzt, liebe Freunde, wisst ihr, wieso.

/ *alle Angaben ohne Gewähr

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Ein Gedanke zu “Rost Scriptum – Drüberdrunterdrumherum.

  1. Es schreibt sich vielleicht gar nicht, weil es der Welt etwas zu sagen hätte. Es schreibt sich vielleicht nur, um in der Welt zu sein. Nicht allen ist es vergönnt, ein Sternenhimmel und damit sich selbst genug zu sein …

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