Schöne kranke Welt

Wir alle tragen unendlich viele potenzielle Krankheiten mit uns herum. Unseren Körper und Geist durchziehen von Geburt an die Wurzeln jedes menschenmöglichen Übels. Die Frage, wo Krankheit – seelisch & körperlich – beginnt, ist allerdings, besonders bei psychischen Erkrankungen, oft reine Definitionssache. Auf einen aus dieser Prämisse entspringenden, mir wichtigen Punkt möchte ich in diesem Text hinweisen.

Irgendwie scheinen wir trotz geistiger Emanzipation von Kirche & Co. Noch immer einer Art innerer Heilsreligion verhaftet zu sein, die uns glauben lässt, es gäbe ein 100%iges ‚Richtig‘ und ein absolutes ‚Gesund‘. Das ist denkbar monumentaler Unsinn, der uns in der Lebenspraxis die paar Tage, die wir auf dieser Erde herumstolpern dürfen, immer wieder aufs Neue madig macht.
Wahr ist: Wir befinden uns in einem stetigen Fluss unserer Zustände und versuchen, mit diesen Sandkastenförmchen der menschlichen Komödie, in einer Selbstlüge, basierend auf der Sehnsucht nach Kontrolle, die ihrerseits aus einer tief in uns allen sitzenden existenziellen Angst vor Chaos und Wahnsinn herrührt, starr, verkrampft und allzuoft über die Ersatzgötter Logik und Ratio, den optimalen Zustand, in dem Körper und Geist auf Werkseinstellung zurückgesetzt sind, zu erlangen. Jedoch: Diesen perfekten Zustand gibt es nicht. Und das ist gut so, denn sonst läge die Triebfeder des Lebens nicht in Veränderung, Fluss und Bewegung, sondern in einem statischen Verharren im ‚richtigen‘ Daseinszustand.

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Die dumme, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten, die eine ganze Person erst ausmachen, verdeckende, nach Mumifizierung müffelnde Erlösungshoffnung (irgendwann wird alles gut und möge dann nach Möglichkeit bitte auch so bleiben) zugunsten einer flexiblen, lebendigen Selbstwahrnehmung, die jeden Tag, jede Stunde – freudvoll oder leidvoll – für sich selbst zelebrieren kann, fahrenzulassen, ist ein erster Schritt weg vom metaphorischen und vielleicht vorsorglich sogar realen Magenkrebs. Der von uns selbst aufgebaute Druck, unter den wir uns tagtäglich stellen, irgendwann einmal ‚richtig‘, mithin innerlich und äußerlich ‚bei uns selbst, wie wir zu existieren bestimmt sind, angekommen zu sein‘, öffnet unser hochkomplexes psychophysisches System für alle Arten physischer und psychischer Leiden.

‚Irgendwo muss ich mich doch suchen!‘, mag man jetzt einwenden, ‚Sonst entferne ich mich unweigerlich immer weiter von mir!‘. Das wage ich nicht, zu beurteilen, doch sicher ist: Der Grundgedanke meiner These führt mitnichten weg, sondern gerade hin zu uns selbst, allerdings in einer anderen Betrachtungsweise ––: Wir selbst nämlich sind zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens schon genau dort, von wo wir immer weg wollen, von wo wir fliehen, hin zur Fata Morgana eines nichtexistenten gelobten Landes des Wirselbstseins: Im Hier und Jetzt.
Durchaus: sich selbst besser kennenzulernen ist ethische Pflicht jedes denkenden Wesens und macht zu Recht einen wesentlichen Teil des menschlichen Strebens aus. Die in Angst und Bange vor dem Ungewissen fälschlicherweise erfolgende absolute Zutodeoptimierung jedoch kann keine Pflicht sein, denn um etwas sollen zu können muss man es – so schief der Satz klingen mag – auch können können.
Nun: Was wir können ist Leben. Leben ist stetige Veränderung. Nie werden wir uns selbst einholen, denn wir selbst sind unserem eigenen Begreifen in jedem Augenblick immer schon wieder einen Schritt voraus. Der Versuch, diese Unmöglichkeit des Optimalen mit einer Art täglichem jüngsten Gericht über unsere Unvollkommenheit, bei dem wir zugleich Richter, Henker und Delinquent sind, zu überbrücken, führt zu Klapsmühle und Magengeschwür.
Leben wir doch stattdessen nach unseren Möglichkeiten! Nur dann können wir diese auch in ihrem ganzen Reichtum ausleben. Halten wir die Freiheit und die Ungewissheit unseres Daseins aus, nein, erfreuen wir uns daran!

In uns existieren permanent hunderttausend seelische und körperliche, immer im Wandel begriffene Phänomene, die, werden sie über ein gewisses Maß auffällig und störend, von uns oder von anderen als ‚Krankheiten‘ charakterisiert werden. Jede wiederkehrende Regung in uns kann beginnen, so viel Raum einzunehmen, dass sie uns hinderlich wird und daraufhin von uns selbst, einem Arzt, oder sogar der Gesellschaft als ‚Krankheit‘ kategorisiert wird. Die natürliche und wichtige Trauer über den Verlust einer geliebten Person etwa kann in ‚krankhafte‘ Depression umschlagen; Liebe kann zur pathologischen Obsession werden usw., und auch bei körperlichen Beschwerden kann die Grenze fließend sein. So geht beispielsweise mit einer beginnenden Sehschwäche jeder anders um und entscheidet selbst, an welchem Punkt die Beeinträchtigung so intolerabel geworden ist, dass und auf welche Art er sie behandeln lässt.
Diese Beispiele sollen keinesfalls die Schulmedizin als hinfällig darstellen, oder ernste und lebensbedrohliche Krankheiten wegleugnen; schon gar nicht, wie in der Diskussion des Blogartikels von @wortgourmande*, auf den dieser Text ursprünglich eine Antwort war, kritisiert wurde, solche von Kindern. Sie dienen vielmehr der Illustration der Aussage, dass wir, wie eingangs gesagt, unendlich viele ‚Leiden‘, bestimmt von unserem Menschsein im Ansatz immer in uns tragen und sie durch das, was wir ‚Leben‘ nennen, in uns vereinen.

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Mein abschließender Appell – der Pathos sei mir verziehen – nimmt diese Feststellung zum Ausgang:
Entscheiden wir eigenmächtig und mit Verantwortung uns selbst gegenüber – nicht anhand eines abstrakten, unerreichbaren Ideals – von welchen Aspekten unserer inneren und äußeren Beschaffenheit Gefahr ausgehen kann und welche im Rahmen dessen liegen, was ganz einfach dieses Leben selbst, so wie es eben west, ist! Unter der simplen Einsicht, dass in uns ein ständiges Kräftespiel physischer und psychischer Prozesse wogt, die uns einerseits ausmachen, anderseits, ein gewisses – bei jedem anderes – Maß brechend, zur Bedrohung werden können. Mit der Kraft, all diese Prozesse immer wieder zu prüfen, anzunehmen und, wo Gefahr droht, positiv zu beeinflussen, und nicht mit dem Streben, sie einem starren und unerreichbaren Bild gemäß zu formen. Mit dem ständigen, stolzen Bewusstsein der eine große Verantwortung mit sich führenden Freiheit, letztendlich selbst als einzig wirkmächtige Instanz über uns den Stab zu brechen.

Abermals: Ein dem Leben verbundener Organismus strebt nicht nach sein Dasein und innerstes Wesen verachtender Perfektion, sondern nach dem erfahrbar Guten im Hier und Jetzt. Mit gebotener Verantwortung für die Zukunft, doch Herz und Hand, um dieses eigentlich schöne Bild einmal kontextfrei zu entlehnen, einzig in der Gegenwart. Die Form, die wir innehaben, wandelt sich stetig, aber in ihrem Grunde sehr langsam. Versuchen wir nicht, sie gewaltsam zu brechen und die Scherben neu zusammenzusetzen! Die Druckstellen der Schablonen, gewählt aus der Angst davor, sich jeden Tag, ganz auf sich selbst gestellt, neu verorten zu müssen – Grundlage unserer Existenz als vernunftbegabte Wesen –, zeigen sich als traurige, der Lebenskraft hinderliche Narben an Körper und Geist. Sie gehen tief unter die Haut und hören nie auf zu schmerzen. Sie machen krank.

Unbeirrter Mut zum Leben – dazu, es nicht auf einen unendlich fernen Moment der Perfektion zielend, sondern jede einzelne Sekunde frei und lebendig zu leben – schützt nicht vor dem Schicksal, doch erhält die tägliche Gesundheit und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu heilen. Trotz aller ‚Krankheiten‘, die in ihrem Ansatz schon immer Teil von uns, Teil des Lebens sind und von denen wir nie frei sein werden.

Seien wir mutig. Seien wir unverzagt. Leben wir!

***

Berlin/23/09/13

                                                                 

http://wortgourmande.wordpress.com/2013/09/23/was-sind-eigentlich-krankheiten/
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Eisbein*, Wahl-O-Mat und Korn

AUSSEN – PRENZLAUER ALLEE – TAG

„Erich, wat hastn nu anjekreuzt?“
„Dit wer ick dia olle Plappatrine wohl uffe Nase bindn.“
„Komm, sach do ma! Also ick hab hier, die dings… die SE… also die Linkn jewählt.“
„Wat? Biste denn nu völlich bekloppt jeworn, ham dir fuffzich Jahre Osten imma no nich jereicht?“
„Na hör ma, du Sonntagsscharmör, so alt bin ick no ni…“
„Jaja, junge Dame, dit kannste den Trottel vonne Altnfleje azehln, aba do nich mir! Also ick vabiech ma nich mehr.“
„Klar, dit hamwa ja jestan jesehn. Du biechst nich, du brichst, nach drei Halbe undn Korn, int Klosett vonne Bahnhofspinte, du olla Suffkopp! Also watn nu? Ick muss ja wissn, wat ick fürn Menschn an meene Seite hab, so rein politüsch betrachtet.“
„Jetz reichtit ma aba, du dusslije Kuh! Wir ham unsre staatsbüjalich-jeheime Flicht jetan und die bleibt vadammt nomma ooch jeheim. Und nu is füa heute wüglich ma jut mit de Demokratie! Komm, meen Täubchen, jehnwa uff ne Pilsette undn Körnchen zu Bine, denn kannste ma ma den schicken neuen Automaten zeijen, wo Kalle imma seine Rente vajoldet.“

Ich verlasse mein Prenzlberger Wahllokal, Abschnitt 08/15, wie ich schätze, und schlendere, so unauffällig, wie es an so einem politisch aufgeladenen Sonntagmittag eben geht, hinter den beiden her.

Bine’s Kneipe, in die es Erich und sein Täubchen nun zieht, lockt zur Feier des Wahltages mit original Berliner Eisbein nebst 0,5er Pils für 6,80; ein Korn kostet einen Euro, ich habe eigentlich nichts weiter vor und werde den Teufel tun, mir dieses Angebot und die Chance auf weitere aufschlussreiche Wahlanalysen entgehen zu lassen.

Ich setze mich an einen Tisch in Hörweite der Spielautomaten und ordere die angepriesene Hausmacherkombi nebst zwei Korn. Bine kippt gerne einen davon mit und bedient mich schnoddrig aber schnell, genau, wie ich es mag. Ich bin in diesem Etablissement voll altehrwürdigen Berliner Geistes heilfroh darüber, hörbar von hier zu kommen und schenke dem verirrten, hektisch nach Bine winkenden Münchner Touripaar am Nebentisch meinen artigsten Mitleidsblick, sowie ein langes und genussvolles „Ahhh..!“, nach einem tiefen Zug aus meinem eiskalten, von ihnen meiner Schätzung nach noch eine bayrisch-katholische Ewigkeit sehnsüchtig zu erwartenden Schultheiss.

Erich und sein Täubchen haben währenddessen bereits ihren Automaten geentert, und nach einigem Debattieren mit Bine, ob der ‚Türke‘, wünscht man es denn, eher als Bine Klimpergeld für die Zockerei zu wechseln hat, oder nicht, und wie weit denn der ‚Türke‘ nun eigentlich weg ist, also ob er in der nächsten oder übernächsten Seitenstraße, und überhaupt, dass der ‚Türke‘ ja im Grunde seines Herzens ein sehr tüchtiger Mann… jedenfalls drehen sich die Räder des Automaten lustig, und der Teufel soll mich holen, wenn sie nicht haargenau aussehen, wie die Räder des Automaten nebenan und tausend weiterer HartzIV-Gräber in dieser ganzen verschissenen teutonisch-’sozialen‘ Pampelmusenrepublik voller Glücksritter jenseits der 60.

Mein Eisbein wird serviert und ich bin eine Weile abgelenkt. Die Bayern neben mir auch, denn „so a Hax’n die goar net recht knusprig is“ wollen sie dann doch nicht. Sie merken lustigerweise in ihrer kulinarischen Empörung nicht, wie anstatt ihrer Hax’n die gute Bine so schön langsam ein wenig knusprig wird, und ich überlege kurz, die zwei arglosen Fremden irgendwie dazu anzustiften, gewissermaßen als Tropfen auf die heiße Bine, möglichst hörbar ein „Saupreiß’n!“ über die Lippen zu bringen und mit mir zu wetten, ob Bine sie mit einem linken oder rechten Haken auf die noch vom Konfetti des letzten Ü50-Tanztees bedeckten Dielen unter uns zirkeln wird.
Nicht ohne Mühe bescheide ich mich jedoch zu völkerverständlichem Frieden, verdränge die Idee und falle ins Erbspüree ein.

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Das Geräusch heftigst goldeselnder Euromünzen im Auswurfschacht von Erich und Täubchens Automaten reißt mich wie eine überlaute, nicht enden wollende Maschinengewehrsalve fremden Glückes aus meinen, nach einem coolen Boxernamen für Bine grübelnden, erbspürierten Gedanken.

„Aba ick wollt dit Jeld do no ja nich ham!“
„Is halt wie bei de Lehmsvasicherung. Kannste da ja ooch nich aussuchn, wannden Arsch hochmachst und icke die janze Kohle kriech.“
„Du die janze Kohle? Na, ick wer da helfn!“
„Willste se etwa deine beklopptn Blajen jeem?“
„Um Jottes Willn, nee, allet, bloß dit nich, da kann ickse ja jenausojut direkt de Griechn hintn rin schiem.“
„Na siehste. Bei mir weeßte mindestn, dit Bine da ooch no wat von hat.“
„Ooch wieda wahr. Aba die drei Piepm, die da übrichbleim… Naja, nimmse und wer froh! Du samma, wolltnse dit Jesetz mit de Erbschaft nich neuadings ooch üngdwie ändan?
„Woher solln icke dit wissn?“
„Ick denk, du hast da de Wahlprojramme von die Spinna anjekiekt… Du, dit blinkt hia so komüsch, wo muss ickn da jetz ruffkloppn?“
„Nüngswo, kannste eh grad nüscht machn, der macht dit allet von janz von alleene. Wennde unbedingt wat machn willst, drückste ma hia, da jehste uff Risiko. Ick hab ma rinjekiekt, wenichstn bei de Bundeskanzlerünn mit ihre Schwarzn, aba da sitzte ja ooch vor wiet Schwein vorn Uhrwerk.“
„Oda wie icke vor dieset Scheiß Blinkedings hia. Aba sone Raute wie de Merkel könntick jetz janz jut jebrauchn, am liebstn dreie inne Reihe, denn jibtet orntlich Kohle! Aba bestümmt klapptit nur wennde die ooch jewählt hast. Da bin ick abajläubüsch.“
„Du Piepenzähla und abajläubüsch? Uff deine altn Taje, oda wat? Ick wer nich mehr!“
„Hast ja Recht. Wat sollt, is ja Wahlsonntach, jeh ick halt ma uff Risiko, wa? Prost, meen Täubchen!“
„Prost, du olla Miesepeta!“

Ich bin dank Bine’s perfekt choreographierten Kornanimationsprogrammes – ich kippe einen, sie lächelt verführerisch mit der Pulle in der Hand – ein wenig beschwipst und schaue gedankenverloren den lustig flackernden roten, grünen und gelben Lichtlein am Wahl..äh…dings..Banditenautomaten zu, der tutend und tütelnd Erich und Täubchens Rente mampft.

Drei Bier und sechs Korn später habe ich immer noch nicht erfahren, was Erich denn nun gewählt hat, beherrsche aber das Automatenspiel aus dem Effeff und habe in der letzten halben Stunde unter übermenschlichen Anstrengungen die redliche Absicht in mir herangezüchtet, von meinem muckelig warmgesessenen Blümchensitzkissen aufzustehen, um bei der, ob meiner verfrühten Kapitulation schmollmundig auf die Wanduhr starrenden, dicken Bine die schmale Zeche zu zahlen. Wie gerne würde ich mir ihre Falten noch ein wenig glatter trinken, wer weiß, was dieser hochdemokratisch vor sich hin dümpelnde Sonntag noch so alles bringen könnte…

Aber ach, ich muss gehen.

Die anderen Wahlhelfer des Abschnittes 08/15 vermissen mich bestimmt schon. Nicht, dass das mit dieser ganzen hochdemokratischen Zettelzählerei noch schiefgeht. So ganz ohne meine tatkräftige H..*hips*..ilfe.

                                        

* Eisbein, das: Altberliner Gericht. Gepökelter, gekochter, ergo fetter und schwabbliger Schweinsoberfuß. Wird traditionell mit Kartoffeln, Senf und Erbspüree serviert. Herunterspülen mit einigen Pils und reichlich Korn oder Kräuterlikör (traditionell: Mampe halb & halb) wärmstens empfohlen.

Berlin/22/09/13

Für diesen sterbenden Sommer…

 

An einen alten Baum

 

Im Rausch erglühtes Wesen über mir,

Das spendet: Schatten und den Ton im Wind,

Der seine Wimpern windend wendet,

Nach innen her, nach außen hin.

 

Der Mutter nah, des Himmels Launenspiel,

Bild

‚Vertraue!‘, ist sein einz’ges, stilles Wort,

‚Im Urgrund sei, zum Himmel baue!‘,

So führt mein Sinn sein Sinnen fort.

 

Doch er, der mir im Stillen zeigt,

Dass man erwächst, doch nie entrinnt,

Ist nur mehr da, und ist, und schweigt,

Gleich einem ewig sehnsuchtsfernen Kind.

 

Ich geh, und nie wird er mich greifen,

Er ist sich selbst Ergriffenheit.

Wie eine Frucht lässt er mich reifen,

Und übergibt mich meiner eig’nen Zeit.

 

07/2013/Chiemsee